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Veröffentlicht am Montag, 09. März 2015 20:14
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Hans Joachim Kujath

 

1                      Hochschulen in regionalen Innovationskontexten – ostdeutsche Erfahrungen

(Veröffentlicht in: Koschatzky, Knuth; Stahlecker, Thomas (Hrsg.) (2015): Neue strategische Forschungspartnerschaften zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im deutschen Innovationssystem. Stuttgart, Fraunhofer-Verlag. S. 101-118.)

 

 

1.1                 Einleitung

Das deutsche Innovationssystem mit seinen regionalen Schwerpunkten (regionale Innovationssysteme (RIS)) ist nach mehr als zwanzig Jahren deutscher Einheit immer noch durch eine Ost-West-Divergenz geprägt. So konzentrieren sich ca. 29% der von der deutschen Wirtschaft durchgeführten Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen auf Unternehmen in Baden-Württemberg; in Mecklenburg-Vorpommern beträgt der Anteil dagegen nur etwa 0,4%. Schwerpunkte der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der Wirtschaft finden sich in den süddeutschen Bundesländern (Baden-Württem­berg, Bayern, Hessen) und vereinzelt im Nordwesten (Niedersachsen). In Ostdeutschland sind dies mit großem Abstand zu den westdeutschen Schwerpunktregionen Sachsen und Thüringen. Ungeachtet einer Annäherung bei den Forschungsausgaben der Wirtschaft während des letzten Jahrzehnts ist die ostdeutsche Entwicklung nach wie vor durch einige Besonderheiten geprägt:

·      Insgesamt sind die Forschungskapazitäten der Wirtschaft in Ostdeutschland deutlich kleiner als in Westdeutschland, selbst wenn das Forschungspotenzial Berlins berücksichtigt wird. Schwach entwickelt sind auch die wissensintensiven Dienstleistungen, trotz der aus den ehemaligen Industriekombinaten ausgegliederten privatisierten Forschungs- und Entwicklungs-Dienstleister, die eine wichtige Treiberfunktion innerhalb des Innovationsystems übernehmen könnten. Die Forschungsaufwendungen der privaten Wirtschaft, gemessen in Prozent des Bruttoinlandprodukts, liegen unter dem westdeutschen Durchschnitt, aber nur geringfügig unter dem OECD-Durchschnitt. Sie liegen im internationalen Vergleich immerhin noch vor Norwegen, Irland, Spanien und Italien (vgl. Gehrke et al. 2010).

·      Das Innovationssystem wird, zieht man den Personal- und Mitteleinsatz für die Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben als Maßstab heran, in stärkerem Maße von den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, relativ unabhängig von der wirtschaftlichen Dynamik, getragen. Die im westlichen Bundesgebiet dominante Industrieforschung in den Branchen Chemie, Maschinen- und Fahrzeugbau sowie Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik spielt in Ostdeutschland nur eine untergeordnete Rolle.

·      Die universitäre und außeruniversitäre technologiebezogene Forschung hat ihren Schwerpunkt in der Spitzentechnik, die sich perspektivisch zu einem Komplement zum Angebot der westdeutschen Innovationslandschaft entwickeln und deren stark auf Hochtechnologie setzenden Schwerpunkt ergänzen könnte. Ostdeutsche Hochschul- und Forschungsstandorte besitzen damit die Voraussetzungen, auf denen forschungsintensive Firmen in neuen relevanten Wirtschaftszeigen aufbauen könnten, sei es durch Neugründungen, die Ansiedlung externer Firmen mit ihren Forschungsabteilungen oder die Weiterentwicklung von Medium-Tech-Unternehmen.

Angesichts dieser Besonderheiten ist das in der wissenschaftlichen Diskussion breit erörterte regionale Innovationsmodell von Autio (1998), das Innovationsprozesse als Ergebnis des Zusammenspiels zweier entwickelter Subsysteme betrachtet, nur in einer modifizierten Form tragfähig. Diese Subsysteme bestehen aus wissensgenerierenden Einrichtungen wie Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen auf der einen Seite und Unternehmen als Wissensanwender, die aus neuen Ideen und Erkenntnissen neue kommerzielle Produkte, neue Produktionsverfahren und Prozesse generieren, auf der anderen Seite. Es fehlt offensichtlich eine kritische Masse im Subsystem der Wirtschaft, das kommerziell verwertbare Innovationen generiert und die Wissen aus dem Subsystem der Hochschulen und Forschungseinrichtungen absorbieren könnte. Im regionalen Innovationsmodell wird der Interaktion und Zirkulation von Wissen, Ressourcen und Humankapital zwischen beiden Subsystemen, unterstützt durch Intermediäre und eingebettet in regionale Innovationskontexte, ein hoher Stellenwert für einen erfolgreichen regionalen Innovationsprozess beigemessen. In Ostdeutschland wird dieser Zirkulationsprozess nicht nur behindert, weil das Hochschul- und Wissenschaftssystem sich bisher gegen eine allzu enge Verbindung ihrer Forschungen mit (regionalen) Anwendungskontexten sperrt, sondern weil offensichtlich auch das schwach entwickelte Subsystem der Wirtschaft bisher nur begrenzt in der Lage ist, die Potenziale des Subsystems der Wissensgenerierung optimal für sich zu nutzen.

Im Folgenden wird zunächst auf einige Aspekte eingegangen, die die Forschungsschwäche der ostdeutschen Industrie und die daraus sich ergebenden Herausforderungen für die Hochschulen näher beleuchten. Es werden daran anschließend Strategien und Instrumente vorgestellt, die von den Ländern (top down) und den regionalen Akteuren (bottom up) in Ostdeutschland entwickelt werden, um die Lücke zwischen dem leistungsfähigen Wissenschaftssystem und einer vergleichsweise forschungsschwachen Wirtschaft zu schließen. Dabei wird auf die besondere Rolle der Hochschulen für den Innovationsprozess näher eingegangen und es werden Antworten auf folgende Fragen gesucht:

·      Welche Rolle spielen unter den spezifischen ostdeutschen Bedingungen Hochschulen, die nur begrenzt Partner aus der Wirtschaft in der Region finden?

·      Wie müssen die Hochschulen aufgestellt sein, um unter diesen Bedingungen Beiträge für die Entwicklung regionaler Innovationsprozesse zu liefern?

1.2                 FuE-Schwäche der ostdeutschen Wirtschaft

Rund 70% der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in Deutschland werden von der privaten Wirtschaft getätigt, vor allem in den Bereichen der Chemie- und Elektroindustrie, im Maschinen- und Fahrzeugbau. Auf der Grundlage von Daten, die der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft regelmäßig erhebt, wird in diesem Zusammenhang evident, dass die Forschungsintensität (Forschungsaufwendungen in Relation zum BIP) der ostdeutschen Wirtschaft insgesamt deutlich niedriger ist als diejenige der westdeutschen Wirtschaft. Gestützt auf diese Daten wird auch deutlich, dass die Ursache dieser Divergenz im Wesentlichen auf das Fehlen großer forschungsaktiver Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und auch kleiner und mittlerer Unternehmen mit eigenen Forschungsleistungen im Umkreis der großen Unternehmen zurückzuführen ist. Die besonderen, von den westdeutschen Gegebenheiten abweichenden betrieblichen Strukturen zeigen sich z.B. darin, dass in Ostdeutschland etwa 70% der Beschäftigten in Betrieben mit weniger als 250 Beschäftigten tätig sind, in Westdeutschland sind dies hingegen weniger als 50%. In Ostdeutschland fehlt es an größeren Unternehmen mit eigener Industrieforschung und an innovativen kleinen und mittelgroßen Unternehmen in den Wissensnetzwerken und Wertschöpfungsbeziehungen dieser Unternehmen. Hinzu kommt, dass, von den High-Tech-Clustern Sachsens, Thüringens und Berlins abgesehen, innovative Unternehmensgründungen, welche künftige Wachstumsprozesse tragen könnten, diese Lücke bisher nicht füllen können (vgl. IWH et al. 2011: 62).

In dieser Spezifik spiegeln sich Nachwirkungen des wirtschaftlichen Transformationsprozesses in Ostdeutschland, der mit einer Deindustrialisierung und Schließung der meisten großen Industriebetriebe einherging. Industriekomplexe wie der um Carl-Zeiss Jena, der Mikroelektronikkomplex in Dresden und der Chemieschwerpunkt in Sachsen-Anhalt blieben die Ausnahme. Sie zeigen, dass sich nur wenige High-Tech-Standorte mit großen Forschungskapazitäten aus den DDR-Kombinaten entwickeln ließen. In den meisten Fällen, in denen eine Privatisierung der Kombinate erfolgreich verlief, kam es zwar zu einer Modernisierung der Produktionsstätten; die zentralen Verwaltungen und Forschungsabteilungen wurden dagegen in der Regel aufgelöst oder in externe Industrieforschungseinrichtungen (FuE-GmbHs) überführt. Ihre Nachfolgeorganisationen (Institute der Gemeinschaftsforschung (IfG)) bilden aufgrund ihrer Zahl und Beschäftigungseffekte in der Forschung heute ein Spezifikum des ostdeutschen Innovationssystems. Diese Institute führen anwendungsnahe Auftragsforschung vor allem für Auftraggeber aus der Industrie durch, die sie vor allem innerhalb Ostdeutschlands finden (Eickelpasch 2010: 59; IWH et al. 2011: 51). Ihre Bedeutung für das Innovationssystem ist bisher jedoch nicht näher untersucht worden.

Im Gegensatz zu Westdeutschland, wo vor allem Großunternehmen das Innovationsgeschehen prägen, wird in Ostdeutschland, wenn überhaupt, vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen, die erst nach 1990 gegründet wurden, Forschung und Entwicklung betrieben. Deren Forschungsintensität beträgt im Durchschnitt nur ein Drittel der Großbetriebe (vgl. Rammer et al. 2014: 13). Insgesamt betragen die Innovationsausgaben der ostdeutschen Wirtschaft 2013 nur etwa fünf Prozent des westdeutschen Umfanges (Rammer et al. 2013). Hintergrund hierfür sind nicht nur die begrenzten Ressourcen vieler kleinerer und mittlerer Unternehmen für eigene Forschungsarbeiten. Viele dieser erst im Systemtransformationsprozess entstandenen Unternehmen besitzen gar keine Forschungskapazitäten aufgrund personeller und finanzieller Engpässe. Sie sind in ihrem Einzugsbereich meist auch auf die regionalen und nationalen Märkte beschränkt, d.h. in geringerem Maße exportorientiert. Diese ungünstige Situation ergibt sich ungeachtet einer Innovatorenquote in der Industrie, die inzwischen westdeutsches Niveau erreicht. Auch auf der Outputseite bleiben die Innovationserfolge der ostdeutschen Unternehmen hinter denen Westdeutschlands zurück, was sich ebenfalls aus den (transformationsbedingten) strukturellen Merkmalen einer kleinteiligen und zersplitterten ostdeutschen Unternehmenslandschaft ableitet (Günther 2011: 196). Keines der großen forschungsintensiven Unternehmen der Bundesrepublik (VW, Daimler, Bosch, Siemens, Bayer usw.) hat nennenswerte Forschungskapazitäten in Ostdeutschland konzentriert (Czernich und Schneider 2013: 28). Selbst Sachsen, das in Ostdeutschland führend in der technologiebezogenen Forschung ist, liegt im Ranking der Länder nur auf Platz sieben der Forschungsintensität hinter Rheinland-Pfalz aber vor NRW (Stifterverband für die deutsche Wissenschaft 2010). Zwar sind wissenschaftliches Know-how und technologische Spezialisierung vorhanden. Sie sind aber über viele Standorte verstreut und erreichen nicht die Größenordnung der privaten Forschungs-und Entwicklungsaufwendungen im Westen, die vor allem durch eine in Großunternehmen geleistete Industrieforschung geprägt ist.

Die deutsche Industrieforschung ist bis heute im Bereich der Spitzentechnologie relativ schwach vertreten. Nach Gehrke et al. (2013) hat sich die deutsche Industrie vielmehr auf die Weiterentwicklung des Angebots an Gütern mit hochwertiger Technik (Chemie, Elektroindustrie, Maschinen- und Fahrzeugbau) spezialisiert und sichert sich damit eine führende Rolle im internationalen Technologiewettbewerb auf den Feldern der Hochtechnologie. Da die Forschungskapazitäten in diesen Feldern an westdeutsche Standorte gebunden sind und dort historisch gewachsene und auch mit Hochschulen verknüpfte spezifische regionale Schwerpunkte bilden, fällt es der kleinteiligen ostdeutschen Industrie schwer, konkurrierend hierzu eigene Forschungsnetzwerke aufzubauen. Ihre Chancen liegen entweder darin, sich den bestehenden Forschungsschwerpunkten z.B. als Zulieferer anzugliedern oder sich anderen neuen Technologiefeldern zuzuwenden. Neue technologische, in Westdeutschland nicht verankerte, Schwerpunkte sind z.B. im Raum Dresden im Halbleiterbereich und der IKT zu beobachten. Andere Versuche wie z.B. in der Photovoltaik waren anfangs erfolgreich, stecken derzeit allerdings in einer tiefen Krise, die das gesamte regionale Innovationssystem infrage stellen. Jede radikale Neuerung eröffnet Chancen für neues wirtschaftliches Wachstum, birgt aber das Risiko eines Scheiterns in sich, wie die Krise der Photovoltaikbranche zeigt. Gleichwohl werden die wirtschaftlichen Zukunfts- und Wachstumschancen Ostdeutschlands in den Spitzentechnologiefeldern der Rundfunk- und Nachrichtentechnik, der Medizin-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik (einschließlich Optik und Uhren) sowie wissens- und forschungsintensive Dienstleistungen vermutet (Gehrke et al. 2010). Anknüpfungspunkte hierfür bieten die Forschungsaufwendungen von Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen, deren Wissen über verschiedene Kanäle für die Wirtschaft nutzbar gemacht werden müsste.

Zwar ist die Intensität der öffentlichen Forschungsausgaben in Ostdeutschland überdurchschnittlich hoch (Hochschulen, staatliche Forschungsinstitute). Sie beträgt 1,2% des BIP in Ostdeutschland gegenüber 0,7% in Westdeutschland und könnte damit die zum Teil schwachen privaten Forschungsleistungen kompensieren. Jedoch finden bisher nur wenige Projekte den Weg in die kommerzielle Nutzung. An der Schnittstelle Wirtschaft – Wissenschaft besteht offensichtlich eine strukturell-funktionelle Lücke (innovation gap), die mit bestehenden Instrumenten bislang nicht geschlossen werden konnte. Ein Erklärungsstrang verweist auf die begrenzten ökonomischen und absorptiven Kapazitäten der kleinen und mittelständischen Unternehmen, externes wissenschaftliches Wissen als relevant zu identifizieren, es aufzunehmen und zu nutzen, sowie auf fehlende personelle und finanzielle Ressourcen für Kooperationen mit externen Partnern (Beier und Edlich 2008: 35). Ein weiterer Erklärungsstrang sucht das Transferproblem bei den Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen, die häufig kein regionaltypisches Profil entwickelt hätten, welches eine Grundlage für Vernetzungsprozesse sein könnte (Behr und Thieme 2009: 79).

1.3                 Regionale Innovationsmodelle für die ostdeutsche Wirtschaft

Das auf Forschung und Entwicklung sowie auf eine enge Kooperation mit Einrichtungen der Wissensgenerierung abstellende Innovationskonzept basiert auf einer engen Definition von Innovation, die die Generierung neuen Wissens und seinen Transfer in die Wirtschaft hauptsächlich durch Universitäten, öffentliche und private Forschungseinrichtungen vorsieht. So zentral diese Form der Wissensgenerierung und des Wissenstransfers auch sein mag, sie erfasst nur einen Ausschnitt aus der Vielfalt möglicher Innovationen fördernder Beziehungen. Trippl und Tödtling (2011) differenzieren die Wissensbeziehungen in Innovationsprozessen nach ihrem Formalitätsgrad, nach dem Ausmaß der Marktintegration (traded and untraded interdependencies) sowie statischen und dynamischen Aspekten und identifizieren auf diese Weise vier Typen von Beziehungen in Innovationsprozessen ( REF _Ref400371733 \h Abbildung 1?1 08D0C9EA79F9BACE118C8200AA004BA90B02000000080000000E0000005F005200650066003400300030003300370031003700330033000000 ). Gestützt auf diese Beziehungstypen lassen sich drei Grundformen des Innovationssystems ableiten, die von allgemeiner Bedeutung sind, aber unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands dort besondere Wirkungen entfalten.

1.3.1             Grass-Root-System und inkrementelle Innovationen

Die erste Grundform kann als Innovationssystem beschrieben werden, in dem die Unternehmen ihr innovationsrelevantes Wissen hauptsächlich aus der Nähe zu anderen Firmen, dem Wechsel von Arbeitskräften zwischen den Firmen und firmeninternen Lernprozessen ohne formale Interaktion mit Wissen generierenden Organisationen, z.B. Forschungsinstituten und Universitäten, beziehen. Dieser Typus wird auch als 'grass root system' bezeichnet (Cooke et al. 2004). Typisch für diesen Innovationsansatz ist, dass den regionalen Innovationsprozessen eine schrittweise Weiterentwicklung der vorhandenen lokalen Wissensbasis ohne systematische formale Steuerung zugrunde liegt. Die Wissensbeziehungen sind vorwiegend informeller Natur und häufig eingebettet in soziokulturelle regionale Kontexte. Innerhalb dieses Systems entwickeln sich in der Regel kumulative regionale Innovationsprozesse, die einen Innovationspfad festigen und sich tendenziell auf das in der Region verankerte Erfahrungswissen stützen. Die in der Region in Unternehmen und anderen Organisationen gespeicherte Wissensbasis gibt danach Art und Richtung eines kumulativen, pfadabhängigen Innovationsprozesses vor.

Abbildung  STYLEREF 1 \s 1? SEQ Abbildung \* ARABIC \s 1 1: Typen von Beziehungen in Innovationsprozessen

 

Statisch

(Wissenstransfer)

Dynamisch

(kollektives Lernen)

Formale
Beziehungen

Marktbeziehungen:

Auftragsforschung

Consulting

Lizenzen

Zukauf intermediärer Güter

Formale Netzwerke:

FuE-Kooperation

Gemeinsame Nutzung von FuE-Infrastruktur

Kunden- und Zulieferbeziehungen

Informale
Beziehungen

Spillovers:

An- und Abwerben von Spezialisten

Beobachten von Wettbewerbern

Besuch von Konferenzen und Messen

Wissenschaftliche Literatur

Patentschriften

Informale Netzwerke:

Informale persönliche Kontakte

Mitglied in fachlichen Gemeinschaften

Quelle: Trippl und Tödtling (2011: 162)

In einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (Crimmann und Evers 2012) zählen inkrementelle Innovationen zu den am weitesten verbreiteten Innovationsformen in Deutschland. Dies trifft sowohl in West- wie Ostdeutschland vor allem auf das verarbeitende Gewerbe zu. Darauf deutet zumindest der hohe Anteil von Betrieben hin, der inkrementelle Produktinnovationen durchführt. Nach Crimmann und Evers (2012) hat das IAB Betriebspanel ergeben, dass rund 30% der Betriebe im Jahr 2010 inkrementelle Produktinnovationen sowohl in West- wie Ostdeutschland durchgeführt haben.

Über die Qualität und den Umfang dieser Innovationen sagen diese Erhebungen allerdings wenig aus. Es kann aber vermutet werden, dass aufgrund des Systembruchs und der Schwierigkeiten, eine neue industrielle Basis im Transformationsprozess zu schaffen, es in Ostdeutschland bisher nur partiell gelungen ist, ein tragfähiges regionales System inkrementeller Innovationen mit regionalen Wissensspezialisierungen in den traditionellen Branchen mittlerer und höherer Technologie zu schaffen. Erfolgreiche Beispiele sind das Uhren-Cluster Glashütte, die Musikindustrie im Vogtland und der Maschinenbau/Werkzeugbau im Raum Chemnitz. Im Vergleich zu den Traditionsstandorten in Westdeutschland dürfte in den meisten Fällen jedoch noch ein erheblicher Nachholbedarf bestehen. Für das ostdeutsche Grass-Root-System an Innovationen bedeutet dies: Inkrementelle Innovationen durch "leaning by doing, by using, by interacting" bedürfen, auch wenn diese vor allem in den Bereich der Wissens-Spill­overs und informalen Netzwerke fallen, einer gewissen Unterstützung seitens Wissen generierender Einrichtungen. Diese Unterstützung kann sich auf technologische Weiterentwicklungen, die betriebliche Organisation, das Management von Produktionsprozessen, Vermarktungsstrategien und nicht zuletzt auf horizontale und laterale Vernetzungen sowie die Organisation von Wertschöpfungsketten beziehen. Gefragt sind hierfür wissensintensive Dienstleister auf verschiedenen fachlichen Feldern. Auch die Hochschulen, vor allem die Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen, können nachfrageorientiert zur Stärkung der Problemlösungskompetenz und Lernfähigkeit von ihnen betreuter Firmen beitragen. Hierzu bedarf es keiner besonderen Forschungsanstrengungen, aber einer fachlichen Ausrichtung des Wissenstransfers auf die Besonderheiten der regionalen Wirtschaft. Hochschulen und Forschungseinrichtungen müssen zu diesem Zweck ihren Wissensfundus an die konkreten Bedarfe der regionalen Unternehmen anpassen, was selbst in den anwendungsorientierten Fachhochschulen mit einem Bruch in der bisherigen Forschungspraxis und ihren wissenschaftlichen Ansprüchen verbunden wäre. Für die Universitäten, die eine reputationsorientierte Exzellenzausrichtung verfolgen, ist der regionale von kleineren Unternehmen artikulierte niedrigschwellige Beratungsbedarf noch weniger interessant, wenn dieser sich auf Probleme mittlerer Technologiekomplexität, praktische Organisationsfragen betrieblicher Prozesse oder Marketingprobleme bezieht (Behr und Thieme 2009: 81).

Eines der wenige Beispiele einer solchen von vielen kleineren und mittleren Unternehmen nachgefragten Unterstützung ist das Kunststoffkompetenzzentrum Halle-Merse­burg, in dem Universität und Fachhochschulen regionsbezogen fachliche Ressourcen zusammenführen und kleinen und mittelständischen Unternehmen niedrigschwellige Kooperations- und Unterstützungsleistungen (Beratung, technologieorientierte Weiterbildung, Unterstützung bei der Produktentwicklung) anbieten, ohne ihre eigene Grundlagen- und anwendungsbezogene Forschung auf den jeweiligen Feldern zu vernachlässigen. Dieses Zentrum ist selbst mit dem Kompetenznetzwerk für angewandte und transferorientierte Forschung (KAT) verbunden, einem Netzwerk aus Hochschulen, Universitäten, Interessenvertretungen der Unternehmen und Branchenplattformen des Landes Sachsen-Anhalt, das kleinen und mittelständischen Unternehmen bedarfsorientiert Hilfestellung bei der Umsetzung technischer und organisatorischer Lösungen bieten will (vgl. Wissenschaftszentrum Sachsen-Anhalt 2013). Zwar gibt es bisher keine detaillierten Untersuchungen über die Funktionsfähigkeit eines solchen wissensbasierten Unterstützungsnetzwerkes, es scheint aber, dass diese Form der Zusammenarbeit weder von der Politik noch den Hochschulen und Forschungseinrichtungen systematisch gefördert wird, da ein derartiger Lernprozesse anstoßender Wissenstransfer mit Regionalbezug in der Regel geringer bewertet wird als Spitzenforschung, die aus Mitteln der DFG, der EU, Stiftungen und des Bundes finanziert wird.

1.3.2             FuE-Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen

Von politischer Seite wird anstelle der Förderung inkrementeller Innovationen ein auf systematischer Forschung beruhendes Innovationssystem bevorzugt, das auf Kooperationsbeziehungen zwischen Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie einen Transfer wissenschaftlichen Wissens in die Anwendungskontexte der Unternehmen setzt. Dahinter steht mit Bezug auf die ostdeutschen Firmen die Annahme, dass viele von ihnen nach einer längeren Phase der Transformation inzwischen einen großen Fundus an Erfahrungen mit kundenspezifischen Problemlösungen und umfassenden Marktbeobachtungen aufgebaut haben und nunmehr vor der Notwendigkeit stehen, anspruchsvollere, komplexe – und oft auch risikoreiche – Entwicklungsprojekte anzugehen, um ihre Wettbewerbsposition auf den internationalen Märkten zu stärken. Dies betrifft insbesondere die ostdeutschen Unternehmen, denen es gelungen ist, sich aus dem wirtschaftlichen Transformationsprozess heraus auf neuen Märkten zu etablieren. Danach sind es nicht die wirtschaftlich schwachen Unternehmen, die eines Wissenstransfers aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen bedürfen, sondern jene, die bereits eine erfolgreiche Phase der Markterschließung und inkrementeller Innovationen hinter sich haben (Behr und Thieme 2009: 75). Argumentiert wird, aufgrund des sich verschärfenden Innovationswettbewerbs, der globale Dimensionen annimmt, seien die Unternehmen in wachsendem Maße gezwungen, nicht nur periodisch, sondern permanent nach neuen Lösungen für neu auftauchende Problem- und Fragestellungen zu suchen und hierfür unterschiedlichstes Wissen aus externen fachlichen Umwelten zu erschließen.

Dieser Vorgang wird, im Unterschied zur kumulativen Wissensdynamik im Grass-Root-System, als kombinatorische Wissensdynamik beschrieben (Strambach und Klement 2011). Regionale Innovationsprozesse sind in diesem Kontext das Ergebnis eines Zusammenspiels von Hochschulen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen als Wissen generierendes Subsystem auf der Anbieterseite und dieses Wissen anwendenden Unternehmen auf der Nachfrageseite, in Verbindung mit innovations- und diffusionsunterstützenden Dienstleistungsangeboten der öffentlichen Hand. Folgt man diesen Überlegungen, versorgen die Hochschulen nicht nur den regionalen Arbeitsmarkt mit akademisch qualifizierten Fachkräften (Humankapitalfunktion), sondern bieten sich auch an, in Zusammenarbeit mit regionalen Firmen Wissen der Hoch- und Spitzentechnologie zu generieren und zu transferieren (Wissenstransferfunktion). Auf der Nachfrageseite finden sich Firmen und Organisationen, die den technologischen und wissenschaftlichen Output der Wissensbieter weiterverarbeiten und als innovative Produkte und Prozesse vermarkten.

In diesem Modell sollen die in Ostdeutschland dominierenden kleineren und mittleren Unternehmen angeregt werden, ihr informell gewonnenes Wissen mit Kompetenzen anzureichern, die aus einer systematischen Forschung resultieren. Sie sollen auf diese Weise befähigt werden, ihre eigene Forschungsschwäche zu kompensieren und damit auch radikale Innovationen durchzuführen sowie die von ihnen beherrschte mittlere Technologie anzureichern. Da sie in der Regel nicht selbst die Kapazitäten für die betriebliche Forschung und Entwicklung besitzen, wird angestrebt, durch Verknüpfung mit den externen Wissensanbietern, vor allem Hochschulen und anderen wissenschaftliches Wissen generierenden Einrichtungen, ihre Innovationskapazitäten zu steigern. Gleichzeitig sollen damit auch technologische 'lock-in'-Effekte, d.h. eine Fixierung auf den in der Region etablierten technologischen Pfad, aufgebrochen werden (Asheim und Coenen 2005). Hochschulen und Forschungseinrichtungen akkumulieren weltweit erzeugtes Wissen und nehmen eine "Antennenfunktion" wahr im Hinblick auf das Erkennen und Absorbieren neuen Wissens (Fritsch 2009a: 12).

Dieses auf kleinere und mittlere Betriebe zielende Modell einer Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft stößt allerdings auf erhebliche Umsetzungsschwierigkeiten. Eine zentrale Schwierigkeit ergibt sich aus den unterschiedlichen Systemlogiken beider Seiten. Für einen erfolgreichen Wissenstransfer müssen die zwischen Wissenschaft und Wirtschaft existierenden kognitiven, sozialen und institutionellen Distanzen überbückt werden. Dies gelingt nur jenen Firmen, die über ein personelles Fundament an wissenschaftlich qualifizierten Fachkräften (z.B. an Ingenieuren) verfügen, die fähig sind, komplexe Entwicklungsprojekte zu verstehen und zu managen. Solche Fachkräfte sind wichtig, denn sie können die kognitive Absorptionsfähigkeit der Firma vergrößern und auf fachlicher Ebene regelmäßige Kontakte zu Forschungsinstituten und Hochschulen unterhalten. Sie können die Funktion von "boundary spanners" zwischen beiden Systemen übernehmen. Nur jene Unternehmen werden daher in der Regel Kooperationsbeziehungen zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen aufbauen können, die bereits selbst Forschungs- und Entwicklungskapazitäten besitzen und diese um jene Bereiche ergänzen wollen, die sie im Unternehmen nicht vorhalten. Schon unter diesem Gesichtspunkt werden nicht die forschungsschwachen Unternehmen, sondern vor allem führende Technologieunternehmen mit bereits entwickelten eigenen Forschungsabteilungen in der Lage sein, ihren zusätzlichen Wissensbedarf durch eine Zusammenarbeit mit Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen (in Ostdeutschland vor allem Fraunhofer-Institute) zu decken.

Kleineren und mittleren Unternehmen bleibt dieses auf eine funktionierende Kooperation mit dem Wissenschaftssystem setzende Innovationssystem noch aus einem anderen Grund häufig verschlossen. Diese Unternehmen verfügen nicht nur über keine "boundary spanners", sondern können, insbesondere wenn sie, wie viele ostdeutsche Firmen, finanzschwach sind, nur selten die Kosten der Durchführung von Forschungsprojekten und die Risiken eines möglichen Scheiterns tragen. Viele dieser Unternehmen verfügen über ein sehr begrenztes zeitliches, personelles und finanzielles Budget für Forschung und Entwicklung, weswegen sie als Abnehmer für Ideen aus der Wissenschaft weitgehend ausfallen. Zwar könnten die kleineren Unternehmen das Kostenrisiko durch die Beteiligung mehrerer Firmen auf viele Schultern verteilen. Auch mit Hilfe von "Innovationsassistenten" lassen sich möglicherweise die Distanzen zwischen beiden Seiten überbrücken. Die Folge wäre dann aber, dass die aus Innovationen sich ergebenden Wettbewerbsvorteile mit anderen geteilt werden müssten, d.h. die Firmen ihre Kontrolle über externes Wissen aufgeben und dieses nicht exklusiv verwenden könnten. Deshalb sind für kleinere Unternehmen solche Forschungsverbünde nur tragbar, wenn sie sich auf die erste Phase eines Innovationsprozesses, die Phase des Erkundens und Entdeckens, beschränken und die folgende aufwändige Phase des Testens und Prüfens (Validierung) sowie der anschließenden Vermarktung von der Firma selbständig durchgeführt wird.

Aus der Hochschulstatistik lassen sich aus dem Blickwinkel der Hochschulen die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Entwicklung regionaler Innovationssysteme ablesen: In Regionen mit vielen international vernetzten großen High-Tech-Firmen, die sich vor allem in westdeutschen Regionen konzentrieren (München, Stuttgart, Karlsruhe usw.), werben die Hochschulen pro Professor deutlich mehr Drittmittel für private Auftragsprojekte und gemeinsame Forschungsprojekte mit der Wirtschaft ein als die Hochschulen an den ostdeutschen Wirtschaftsstandorten. Bei den Drittmitteln aus privaten Quellen schafft es allein die TU Freiberg auf einen der vorderen Plätze im gesamtdeutschen Ranking. Fritsch (2009b) weist nach, dass die Unterschiede im tatsächlichen Kooperationsverhalten zu einem wesentlichen Teil durch das räumliche Umfeld bedingt sind. Fehlen passsende Kooperationspartner in der Region, hat dies zur Folge, dass Kooperation unterbleibt oder Beziehungen zu Partnern außerhalb der Region geknüpft werden. Die Kooperation kommt dadurch nicht der Hochschulregion, sondern der Sitzregion des Kooperationspartners, der die Innovation umsetzt, zugute. Die insgesamt geringere Verflechtung mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist
– wie bereits erläutert – Ausdruck eines relativ begrenzten Bestandes Forschung und Entwicklung treibender Großunternehmen und einer durch Klein- und Mittelbetriebe geprägten Struktur in Ostdeutschland. Crimmann und Evers (2012) meinen, der vergleichsweise geringen Leistungsfähigkeit der Klein- und Kleinstbetriebe sei es geschuldet, dass die von den regionalen Forschungseinrichtungen geschaffenen Potenziale schlecht ausgeschöpft werden. Am Beispiel sächsischer Betriebe weisen sie nach, dass die kleinen und mittelständischen Betriebe vergleichsweise selten mit Hochschulen und Forschungsinstituten kooperativ zusammenarbeiten. Eigene Erhebungen im Land Brandenburg bestätigen ebenfalls, dass für Unternehmen der wissens­basierten Wirtschaft die regionalen Hochschulen – von Ausnahmen abgesehen (Beispiel Wildau) – von geringer Bedeutung sind und diese im Vergleich zum Bundesdurchschnitt wenig zu den Drittmitteleinnahmen der Hochschulen beitragen (Krupa 2009: 72). Aus dem Blickwinkel der Hochschulen bedeutet dies, dass regionale Kooperationspartner fehlen, selbst wenn eine Zusammenarbeit wünschenswert wäre.

Die wenigen Hoch- und Spitzentechnologiecluster der ostdeutschen Wirtschaft wie Mikroelektronik in der Region zwischen Dresden, Freiberg und Chemnitz, Optoelektronik in Jena oder Chemie/Kunststoffe im mitteldeutschen Chemiedreieck bilden Leuchttürme in einer ansonsten weniger entwickelten Innovationslandschaft. Sie zeichnen sich allesamt dadurch aus, dass sich in ihnen führende und federführende große Unternehmen, Hochschulen und Forschungsinstitute mit spezialisiertem Wissen konzentrieren. Diese Cluster bilden Kooperationsplattformen für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, integrieren die Masse der klein- und mittelständischen Firmen jedoch nicht. Die Chancen, diese öffentlich geförderten, auf Hoch- und Spitzentechnologie sich gründenden Innovationssysteme auf eine breitere Basis zu stellen, scheinen angesichts der vergleichsweise geringen Forschungsorientierung der Masse kleinerer und mittlerer Unternehmen also wenig chancenreich.

1.3.3             Hochschulen als Nuklei regionaler Innovationssysteme

Vor diesem Hintergrund wird eine dritte Innovationsvariante diskutiert. In den beiden bisher dargestellten Innovationsmodellen beschränken sich die Hochschulen und Forschungseinrichtungen im Wesentlichen darauf, den bereits artikulierten Erwartungen und der Nachfrage der Wirtschaft zu folgen. Sie nehmen eine eher passive Rolle ein und sehen ihre Funktion darin, Wissen zu generieren, das bei Bedarf von der Wirtschaft abgerufen werden kann. In der dritten Innovationsvariante wird den Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine besondere pro-aktive Rolle zugewiesen. Um im ostdeutschen Innovationsystem mittelfristig eine "kritische Masse" zu erreichen, müssten Hochschulen und Forschungsinstitute ihre Forschung und Lehre nicht nur auf die begrenzten Bedürfnisse der regionalen Wirtschaft ausrichten, sondern sich darüber hinaus aktiv am Aufbau einer regionalen Wissens- und Wirtschaftsbasis vor allem in den Spitzentechnologiebereichen engagieren. Die Hochschulen können insbesondere durch Spin-off-Gründungen dazu beitragen, dass längerfristig ein geeignetes Umfeld entsteht, in dem sich ein Netzwerk der Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen entwickeln kann, das dann auch attraktiv für neue externe Forschungsakteure und Unternehmen wird (Fritsch 2009a: 20).

Pasternack und Zierold (2014) bezeichnen diesen Innovationsansatz als aktiven Hochschulregionalismus. Dieser soll als "Dritte Mission" neben der Ausbildungsfunktion sowie der Grundlagenforschung die Funktion eines Impulsgebers für die Region, d.h. für den Aufbau regionaler Innovationstrukturen und für die Bewältigung nichtökonomischer Herausforderungen, übernehmen. Es gibt bisher vergleichsweise wenig Erfahrung im Hinblick auf eine erfolgreiche Umsetzungspraxis der Hochschulen. Einige positive Erfahrungen mit diesem Ansatz gibt es in Westdeutschland, wo z.B. die TU Kaiserslautern wesentlich zur Bewältigung des regionalen wirtschaftlichen Strukturwandels durch aktiven Hochschulregionalismus beigetragen hat. Die hier und anderswo bereits gesammelten Erfahrungen lassen verallgemeinerbare Ansatzpunkte für eine regional aktive Hochschule erkennen: In den Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollte eine anregende Gründungskultur und Gründerberatung vorherrschen. Es sollte ein Netzwerk zwischen Gründern und Hochschullehrern unter Einbeziehung der Studenten aufgebaut werden. Gründer aus der betreffenden Hochschule sollten selbst als Berater für sich interessierende Studenten aktiv werden. Die Hochschulen müssen darüber hinaus mit externen Partnern wie Gründerzentren, Technologieparks sowie Anbietern von Beteiligungskapital vernetzt sein und hochschulintern die personellen und das Management betreffenden Voraussetzungen für die Organisation dieser "Dritten Mission" schaffen.

Von Seiten der ostdeutschen Länder sind bereits Förderprogramme entwickelt worden, die mit Hilfe finanzieller Fördermaßnahmen Unternehmensgründungen aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen heraus unterstützen. Sie finanzieren z.B. die Schaffung von Netzwerken als zentrale Plattformen für Gründer, Unternehmen, Kapitalgeber, Kammern und Initiativen oder unterstützen die Realisierung von Geschäftsideen bei der Ausgründung aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen finanziell.

Auf der regionalen Ebene sind insbesondere auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung engagierte Professoren und von ihnen gegründete An-Institute Träger einer pro-aktiven regionalen Hochschulpolitik. In Brandenburg ist die Technische Hochschule Wildau ein gutes Beispiel für diesen Ansatz. Diese Hochschule hat sich eine ausgeprägte Regionalkompetenz erarbeitet, die vor allem von forschenden Professoren getragen wird. An der Hochschule wird die Besetzung von Professorenstellen ausdrücklich auch anhand des Kriteriums von Kompetenz in akademischer und industrieller Forschung vorgenommen. Dies führt dazu, dass die TH Wildau in der Drittmittelforschung in den nationalen Rankings zur führenden Gruppe gehört. Aus dem Engagement in der Forschung sind zahlreiche An-Institute entstanden, die ein weites Spektrum anwendungsorientierter Forschung abdecken, die von der Biosystemtechnik über Laser- und Plasmatechnik bis hin zu Managementtechniken, Regionalforschung und Technikfolgeabschätzung reichen. Die An-Institute sind zugleich Ausgangspunkte zahlreicher Spin-offs, die dem regionalen Umfeld zugutekommen. Die Technische Hochschule bildet somit einen beispielgebenden Nukleus eines sich im südlichen Umland von Berlin bildenden von innovativen Unternehmen getragenen Wirtschaftsraumes (vgl. Voß 2009: 43f.).

Ein weiterer Eckstein der Entwicklung eines von Ausgründungen getragenen regionalen Innovationssystems sind Gründerzentren, wenn sie im räumlichen Umfeld von Hochschulen liegen und eine enge Partnerschaft mit den benachbarten Hochschulen eingehen. Ein ostdeutsches Beispiel für diesen Ansatz ist das Bioinnovationszentrum in Dresden, das als Gründerzentrum eine Vernetzung von Einrichtungen der Wirtschaft, der Hochschulen (TU Dresden) und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen zum Ziel hat. Das Zentrum bietet Unternehmen und Unternehmensgründern der Biotechnologiebranche Räumlichkeiten und Labors an. Darüber hinaus stehen den Unternehmen Serviceeinrichtungen zur Verfügung. Neben einem umfassenden Pool an Geräten ermöglichen zentral angebotene Dienstleistungen in den Bereichen des Prüfens und Testens (Labore) sowie der Organisation erhebliche zeitliche und finanzielle Einsparmöglichkeiten (Beier und Edlich 2008: 38).

Sind derartig Gründerzentren mit weiteren Infrastruktureinrichtungen wie Technologieparks und Gewerbeparks verbunden, lassen sich alle Phasen eines Innovations- und Wachstumszyklus der Unternehmen, von der Inkubationsphase bis zur Massenproduktion, in der Region halten. Hochschulen bilden in diesem System den entscheidenden endogenen Faktor: Sie stellen nicht nur hochqualifizierte Arbeitskräfte bereit, sondern können gleichzeitig das regionale Innovationssystem durch Umsetzung des an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen generierten Wissens in Spin-off-Gründun­gen unterstützen.

1.4                 Fazit

Auch fünfundzwanzig Jahre nach der deutschen Einheit und nach durchlaufener Transformation des Wissenschafts- und Wirtschaftssystems haben sich in Ostdeutschland einige Besonderheiten erhalten, die den wirtschaftlichen Aufholprozess behindern. Als ein zentraler Grund werden dabei die im Vergleich zur Situation im westlichen Bundesgebiet geringeren Forschungskapazitäten und der geringere Forschungsoutput der Wirtschaft, insbesondere der Industrie, genannt. Dieses Defizit beruht wesentlich auf dem Fehlen von leistungsfähigen Großunternehmen mit entwickelten eigenen Forschungskapazitäten und der Dominanz von kleinen und mittleren Unternehmen mit geringer Finanzkraft und ohne Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. Diese Struktur wirkt sich dämpfend auf das durchschnittliche Produktivitätsniveau und damit auch auf die Einkommen in den Neuen Ländern aus.

Drei regionsbezogene Innovationsmodelle wurden diskutiert, die möglicherweise in der Lage sind, die Innovationsdefizite der ostdeutschen Wirtschaft zu verringern: (1) das System inkrementeller Innovationen (Grass-Root-System), (2) das System FuE-getrie­bener Innovationen mit forschungsstarken großen Unternehmen als Trägern und den Hochschulen und Forschungseinrichtungen als Partnern der Wirtschaft, (3) das System eines neuen Hochschulregionalismus mit den Hochschulen als Nuklei regionaler Innovationen. Für alle drei Systemvarianten finden sich in Ostdeutschland Praxisbeispiele. Obwohl der erste Innovationstyp bei den kleinen und mittleren Unternehmen verbreitet ist und gute Anknüpfungspunkte böte, durch praxisnahe niedrigschwellige Beratung angereichert zu werden, finden sich nur wenige Hochschulen und Forschungseinrichtungen bereit, diesen Ansatz zu unterstützen. Auch von politischer Seite fehlen entsprechende Initiativen. Die zweite Systemvariante spielt nach wie vor eine zentrale Rolle in der ostdeutschen Innovationspolitik, obwohl mit einer Orientierung auf Hoch- und Spitzentechnologie die Masse der kleinen und mittleren Unternehmen nicht angesprochen wird und nur einige wenige regionale Innovationsleuchttürme (Chemie, Mikroelektronik, Optik) in der Regel mit größeren Unternehmen als Basis hervorstechen. Offensichtlich reichen diese Ansätze nicht aus, um eine "kritische Masse" zu erzeugen, die die übrigen Unternehmen mit sich ziehen können. Vor diesem Hintergrund richten sich die Hoffnungen auf die dritte Systemvariante, die insbesondere über den Weg der Ausgründungen aus Hochschulen erwartet, neben den in Deutschland etablierten Wirtschaftszweigen der Hochtechnologie Neuerung der Spitzentechnologie für die Industrie und die wissensintensiven Dienstleistungen kommerzialisieren zu können. Dieser Ansatz bietet die größten Chancen, tragfähige Innovationssysteme auf regionaler Ebene zu schaffen, beinhaltet aber auch die größten Risiken des Scheiterns und kann darüber hinaus nicht kurzfristig mit Erfolgen rechnen. Die Hochschulen müssen zudem eine große Bereitschaft entwickeln, sich federführend dieser Aufgabe neben der Lehre und der Grundlagenforschung zu widmen. Sie müssen diese Aufgabe als "dritte Mission" verinnerlichen, was sie nur dann leisten werden, wenn der damit verbundene Wandel des Selbstverständnis der Hochschulen und Forschungseinrichtungen von der Öffentlichkeit und Wissenschaftspolitik als gleichwertige Leistung neben den traditionellen Aufgaben z.B. in der Spitzenforschung anerkannt wird.

1.5                 Literatur

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